«Biodiversität ist eine Gemeinschaftsaufgabe»

Ein Gespräch mit Christine Zundel, Programmleiterin des Aktionsplans Strategie Biodiversität Schweiz des Bundesamts für Umwelt (BAFU), über die Ziele und Herausforderungen der zweiten Phase, die Zusammenarbeit mit verschiedenen Sektoren und Bundesämtern sowie den langen Weg von der Konzeptarbeit zu konkreten Verbesserungen für die Natur vor Ort.
INTERVIEW: GREGOR KLAUS
HOTSPOT: Frau Zundel, Sie leiten die zweite Phase des nationalen Aktionsplans Biodiversität. Was hat Sie an dem Job besonders gereizt?
CHRISTINE ZUNDEL: Biodiversität hat tausend Gesichter. Sie überrascht mich immer wieder neu mit dem, was sie leistet, aber auch mit ihrer Schönheit und Lebendigkeit. Zu ihrer Stärkung beizutragen, ist für mich eine wunderbare Aufgabe.
Sie kommen aus der Landwirtschaft. War das wie ein Seitenwechsel?
Im Grossen und Ganzen nein. Ich habe schon beim Bundesamt für Landwirtschaft an der Vereinbarkeit von Nutzung und Schutz der Umwelt gearbeitet. Aber der Fokus hat sich nun geweitet: Neben der Landwirtschaft geht es jetzt auch um Energie, Mobilität, Wald und Siedlungsnatur, um nur einige der Bereiche zu nennen. Auch in diesen Sektoren ist es spannend, zusammen mit den Partnern die jeweils vielversprechendsten Ansatzpunkte ausfindig zu machen und daran zu arbeiten.
Was würden Sie als die grössten Erfolge der ersten Phase des Aktionsplans bezeichnen?
In der ersten Phase des Aktionsplans hat der Bundesrat die Dringlichkeit des Handelns erkannt und unter anderem Sofortmassnahmen in den Bereichen Naturschutz und Waldbiodiversität beschlossen. Seit 2017 kann der Bund das verstärkte Engagement der Kantone finanziell besser unterstützen. Zudem konnten wir beispielsweise im Bereich der Mobilität konkrete Fortschritte erzielen. Das Bundesamt für Strassen und das Bundesamt für Verkehr haben sich schon in der ersten Phase stark für Verbesserungen eingesetzt. Was in dieser Phase aufgegleist wurde, setzten sie in der zweiten Phase konsequent um.
Einige wichtige Massnahmen sind aber bis heute nur teilweise umgesetzt, ganz zu schweigen von den Zielen der Strategie Biodiversität Schweiz. Dazu gehören der Aufbau einer Ökologischen Infrastruktur und die Integration der Biodiversität in die Sektoralpolitiken. Wie lässt sich das ändern, und was tut das BAFU dafür?
Die meisten Massnahmen sind auf gutem Weg. Gerade bei den genannten Beispielen handelt es sich um Vorgaben, bei der die konkrete Umsetzung nicht innerhalb weniger Jahre erfolgen kann. Die Arbeiten zum Aufbau einer Ökologischen Infrastruktur zum Beispiel wurden in den Programmvereinbarungen mit den Kantonen erheblich gestärkt. Basierend auf der Planung können nun konkrete Massnahmen entwickelt werden, um die Biodiversität im Einklang mit der Raumnutzung zu fördern und zu erhalten. Verschiedene Kantone haben ihre Planungen bereits durch die Regierung verabschiedet oder in die Arbeiten zu kantonalen Biodiversitätsstrategien integriert.
Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen dem ambitionierten Anspruch der Strategie Biodiversität Schweiz mit dem Aktionsplan und der oft als ungenügend wahrgenommenen Wirkung in der Praxis?
Die Strategie zeigt die Ziele auf, die wir erreichen möchten. Der Aktionsplan beschreitet den Weg dahin. Dieser Weg ist alles andere als gradlinig und einfach, es gibt immer wieder neue Hindernisse zu überwinden. Und: Der Aktionsplan ist nur ein Rädchen im ganzen Gefüge. Die Erhaltung und Förderung der Biodiversität ist wie der Klimaschutz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, entsprechend komplex, und nicht mit einem Fingerschnippen zu haben.
NGOs kritisieren den neuen Aktionsplan als zahnlos und unverbindlich. Es gebe zu viel Konzeptarbeit und zu wenig Wirkung. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?
Die Aufgabe des Aktionsplans ist es, die konkrete Naturschutzarbeit draussen wirksamer und effizienter zu machen. Damit dies gelingt, ist es wichtig und richtig, dass im Aktionsplan Grundlagen- und Konzeptarbeit gemacht und diese in Pilotprojekten auf der Fläche getestet wird, bevor die Ergebnisse von den Kantonen im Vollzug integriert werden. Die Wirkung ist also oft indirekt und wird erst bei der Umsetzung durch die Kantone sichtbar. Es ist nicht der Bund, sondern die Kantone, welche die grosse Schaufel in die Hand nehmen. Rund die Hälfte des Geldes kommt zwar vom Bund, aber erst die Kantone bauen damit Weiher, regenerieren Moore, scheiden Waldreservate aus und so weiter.
Was wird sich in der zweiten Phase des Aktionsplans grundlegend ändern?
Neu ist der Einbezug der Partnerämter des Bundes sowohl auf Massnahmen- als auch auf Direktionsebene. Das BAFU hat weiterhin die Federführung, aber alle beteiligten Ämter tragen gemeinsam die Verantwortung für das Gelingen.
Welche Massnahme liegt Ihnen besonders am Herzen?
Alle! Jede Massnahme setzt in ihrem spezifischen Bereich an und tut dort das, was es gerade braucht. Es gibt aber auch Synergien zwischen den Massnahmen, die genutzt werden könnenund sollen. Es ist also nicht nur jede einzelne Massnahme wichtig, sondern auch das grosse Ganze.
Die Kommunikation des Bundes zum Aktionsplan widerspiegelt nicht die Dringlichkeit der Biodiversitätskrise, finden NGOs. Wie werden Sie über die Fortschritte des Aktionsplans kommunizieren?
Der Bundesrat und das BAFU weisen die Situation der Biodiversität in der Schweiz in diversen Publikationen aus, so im Zustandsbericht Biodiversität, in der Synthese Rote Listen oder im Bericht zu den Resultaten der Wirkungskontrolle Biotopschutz Schweiz. Über die Fortschritte im Aktionsplan wird das BAFU ab Ende Jahr regelmässig berichten. Zudem erfolgt eine Evaluation des Aktionsplans gegen Ende der zweiten Phase.
Welche konkreten Indikatoren oder Zielwerte wurden denn für die zweite Phase festgelegt?
Die Massnahmen des Aktionsplans sind auf der Basis eines Wirkungsmodells aufgebaut. Jede Massnahme definiert spezifische Leistungen und Wirkungen, die überprüft und beurteilt werden. Zu den Leistungen gehören realisierte Projekte und konkrete Produkte, bei den Wirkungen betrachten wir, wie die Produkte angewendet werden oder welche konkreten Verhaltensänderungen sie bei relevanten Akteurinnen und Akteuren bewirken.
Wie organisiert das BAFU die Zusammenarbeit mit anderen Bundesämtern, um den Aktionsplan in deren Bereichen umzusetzen?
Die Partnerämter sind für die Erarbeitung und Umsetzung der Massnahmen in ihren jeweiligen Sektoralpolitiken zuständig. Das BAFU hat eine beratende Rolle. Die Umsetzung des Aktionsplans als Ganzes steuern die Partnerämter gemeinsam. Dafür gibt es den Programmausschuss auf Ebene der Amtsdirektionen, unter dem Vorsitz der BAFU-Direktorin.
Wie sieht das in den nicht grünen Sparten wie der Finanzwelt aus?
Es ist in vielen Sektoren ein steigendes Bewusstsein für die Konsequenzen des Biodiversitätsverlusts spürbar, zum Beispiel weil die Kundschaft vermehrt nachfragt. Es gibt auch in der Finanzwirtschaft durchaus Akteurinnen und Akteure, welche die Notwendigkeit des Handelns erkannt haben.
Generell wird der Biodiversitätsschutz aber noch nicht wirklich ernst genommen.
Heute wird der kurzfristige Nutzen stärker gewichtet als die langfristige Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen. Das geht auf Kosten der Biodiversität. Damit die Biodiversität und ihre Leistungen für uns Menschen längerfristig erhalten bleiben, braucht es eine Justierung dieser Prioritäten in all unseren Entscheidungen – den politischen wie auch den individuellen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft, damit der Aktionsplan ein Erfolg wird?
Erfolg haben wir dann, wenn die verschiedenen Akteurinnen und Akteure aufgrund der im Aktionsplan entwickelten Ansätze in ihrer Arbeit für die Biodiversität ein Stück weiterkommen. Mit dem Aktionsplan möchte ich dazu beitragen. Zudem wäre es toll, die bewährten Wege mit Brücken zu neuen Stakeholdern ergänzen zu können.
Christine Zundel ist Agronomin und Geografin.
Kontakt:
Weitere Informationen: bafu.admin.ch > Aktionsplan Biodiversität
Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Editorial
- Künstliches Licht bei Nacht verändert unsere Welt
- Das versteckte Leben der Nachtfalter
- Eine politisch-ökologische Perspektive auf Lichtlandschaften
- Ökologische Auswirkungen künstlicher Beleuchtung
- «Nachtdunkelheit für Ruhe und Erholung»
- Lichtemissionen im Umweltrecht
- Ökologische Bewertung von LED-Eigenschaften
- Klug beleuchten: Gesundheit, Sicherheit und Natur im Gleichgewicht
- Nachts erhellt – tags verarmt
- Dunkelheit: Eine wichtige Ebene der Ökologischen Infrastruktur
- Die Grafik zur Biodiversität


