«Nachtdunkelheit für Ruhe und Erholung»

Zwischen Forschung und Praxis: Ein Gespräch mit Jörg Haller, einem Lichtplaner, und Janine Bolliger, einer Ökologin, über das (störende) Licht, die Schönheit der Dunkelheit und darüber, wie intelligente Beleuchtung aussehen kann.
INTERVIEW: GREGOR KLAUS UND URSULA SCHÖNI
HOTSPOT: Was verbinden Sie beide mit dem natürlichen Nachthimmel?
JANINE BOLLIGER: Mit dem natürlichen Nachthimmel verbinde ich Intaktheit, Natur, die Sternbilder, zum Beispiel den Orion. Wenn ich ihn oder andere Sternbilder sehe, bedeutet das für mich auch eine Verortung von mir selbst. Die Sterne sind zudem eine Visualisierung der Unendlichkeit.
JÖRG HALLER: Wenn ich die Möglichkeit habe, sitze ich abends nach einem intensiven Tag gerne noch etwas draussen und ordne die Gedanken. Die Betrachtung des Sternenhimmels gibt mir Ruhe und ich geniesse es, diese Ruhe aufzusaugen. An einem fremden Ort gibt mir der Nachthimmel Orientierung und er erdet mich auch. Zudem gibt es immer etwas zu entdecken. Ich finde das unheimlich spannend.
Und was bedeutet dessen Verlust im Gegenzug?
HALLER: Das ist jetzt plakativ, aber ich war vor einigen Wochen in einem Hotel. Es war ein heisser Sommerabend und ich setzte mich noch auf die Terrasse. Eine Leuchte auf dem Haus neben dem Hotel hat mich die ganze Zeit geblendet, sodass ich den Nachthimmel nicht sehen konnte. Gleichzeitig haben permanent mehrere farbige LEDs von Elektrogeräten in der Umgebung geblinkt. Das hat mich in diesem Moment unheimlich gestört. Es war, wie wenn ein Radio zu laut ist und ich eigentlich die Stille geniessen will.
BOLLIGER: Wenn nachts alles voller Licht ist, fühlt es sich tatsächlich wie Lärm an. Es stört massiv. Andererseits dürfen wir das künstliche Licht auch nicht generell schlechtreden. Licht ist etwas, das alle brauchen – inklusive Ökologen und Ökologinnen.
Lichtverschmutzung ist allgegenwärtig. Warum ist dieses Umweltproblem im Bewusstsein der Gesellschaft noch nicht richtig angekommen?
BOLLIGER: Spezialisierte Fachpersonen sind sich sehr wohl bewusst, dass Licht in der Nacht für Mensch und Umwelt ein Problem sein kann. Bei der breiten Bevölkerung scheint das oft nicht der Fall zu sein. Wenn wir beispielsweise im Feld arbeiten und Daten erheben, werden wir immer wieder von Passantinnen und Passanten angesprochen. Die meisten sind überrascht, weil ihnen die Problematik nicht bewusst war. Hier müssen wir noch viel Sensibilisierungsarbeit leisten. Und das tun wir auch, indem wir den Leuten erklären, dass es wichtig ist, das richtige Licht am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt zu haben.
HALLER: Professionelle Lichtplanende sind ein Schlüssel zum Erfolg. Ich bin unter anderem in der Ausbildung von Lichtfachleuten und in der Beratung von Gemeinden in Bezug auf Licht tätig. Es ist wichtig, dass die Beleuchtung im Aussen- und Innenraum sorgfältig geplant und nicht einfach etwas aufgehängt wird. Aber ich merke seit Jahren, dass dieses Umweltproblem von immer mehr Menschen erkannt wird.
Aber viele Verursacherinnen und Verursacher von Lichtverschmutzung erreichen Sie nur bedingt.
HALLER: Wir haben bei den Privaten keine Handhabe. Als Verantwortlicher für die öffentliche Beleuchtung im Aussenraum bin ich übrigens selbst ein grosser Verursacher von Lichtemissionen. Aber wir versuchen es so zu machen, dass die Beleuchtung möglichst wenig stört und wenig unerwünschtes Licht auftritt. Licht ist ja grundsätzlich etwas Gutes, aber wir müssen die unerwünschten Emissionen reduzieren. Ich würde attestieren, dass ein steigendes Bewusstsein für dieses Umweltproblem vorhanden ist, bei Fachpersonen und Behörden sowieso. Jetzt ist einfach die Frage: Wie schärft man das Bewusstsein derjenigen, die für das Thema noch nicht sensibilisiert sind?
BOLLIGER: Erstaunlich ist, dass es für künstliche Beleuchtung weder Schwellenwerte noch zeitliche Einschränkungen gibt. Dabei kann Licht ein ähnlicher Störfaktor sein wie beispielsweise Lärm. Es gibt eine Norm für künstliches Licht, die SIA-Norm 491, die aufzeigt, wie man mit dem Licht umgehen kann. Aber eine spezifische gesetzliche Grundlage gibt es nicht. Und ich denke, dort müsste man vermehrt ansetzen.
Ähnlich wie beim Wasser, bei der Luft und beim Lärm?
BOLLIGER: Heute geht man in den Baumarkt und kauft sich die grössten und hellsten LED-Leuchten. Jörg in seiner Funktion als Lichtplaner schaut, dass Strassenleuchten die Umwelt möglichst nicht verschmutzen. Und dann spaziert man auf dem Trottoir und überall gehen die Flutlichter auf den privaten Grundstücken an. Doch es gibt keine Möglichkeit, dagegen vorzugehen.
Was spricht gegen ein Bundesgesetz? Es gibt ja europäische Länder, die eine gesetzliche Grundlage gegen Lichtverschmutzung haben.
HALLER: Frankreich beispielsweise schreibt vor, dass die Lichtfarbe von öffentlichen Beleuchtungen im Aussenraum einen bestimmten Wert nicht überschreiten darf. Meiner Meinung nach gibt es in der Schweiz bereits gesetzliche Grundlagen, auf denen man aufbauen kann und auch Werkzeuge. In den letzten Jahren wurden verschiedene Richtlinien und normative Grundlagen erarbeitet. Eine Stadt wie Zürich kann beispielsweise auch Vorgaben machen, wie hell ein Schaufenster sein darf. Man müsste es einfach tun. Grundsätzlich hätte die zuständige Behörde die Möglichkeit, bei allen, die bauen oder eine Lichtinstallation planen, Einfluss zu nehmen.

Fehlt einfach noch der Wille?
HALLER: Ich glaube, es ist oft Unwissen. Die Gemeinden müssen eine sehr grosse Bandbreite an Themen abdecken und haben meist keine Fachpersonen zum Thema Licht. In den Gesprächen mit den Gemeinden merke ich, dass sie sich oft nicht bewusst sind, wo ihre Hebel und Werkzeuge sind.
Können Sie quantifizieren, wer welchen Anteil an der Lichtverschmutzung hat?
HALLER: Das ist situativ unterschiedlich. Eine Studie aus den USA hat gezeigt, dass die öffentliche Beleuchtung nur für einen Bruchteil der gesamten Lichtemissionen verantwortlich ist. Ein Grossteil stammt von Privaten. Dazu kommen die Emissionen aus Verkehr und Werbebeleuchtung. Dies deckt sich mit persönlichen Beobachtungen und Messungen in vielen Städten und Gemeinden.
BOLLIGER: Nicht zu vergessen die Emissionen aus Industrie und Gewerbe, beispielsweise von Gewächshäusern, die nachts beleuchtet werden, um den Tag künstlich zu verlängern. Ein generelles Problem ist, dass es nicht ganz einfach ist, Lichtverschmutzung zu messen. Licht hat vier Dimensionen und wirkt bei Nebel ganz anders als in klaren Nächten. Uns fehlen auch hochauflösende zeitliche und räumliche Daten über Lichtintensität, Farbe und Lichtverteilung in Nachtlandschaften. Satelliten sind ziemlich blind für Licht im blauen Bereich. Bevor man eine gesetzliche Grundlage einführen kann, muss definiert werden, wo und wie Lichtverschmutzung gemessen werden kann. Im Rahmen eines Projektes arbeiten wir derzeit zusammen mit dem Eidgenössischen Institut für Metrologie an Lösungen rund um die Lichtmessung. Weil Licht ein sehr variables Thema ist, propagieren wir verschiedene Ansätze zur Lichtmessung: am Boden, mittels Drohnen und von Flugzeugen aus.
Warum ist beim Thema Lichtverschmutzung die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis essenziell? Und was sind Ihre Erfahrungen aus Ihrem gemeinsamen Projekt?
BOLLIGER: Ohne die Lichtpraxis gibt es keine ökologische Forschung über Lichtverschmutzung. Biologinnen und Ökologen können zwar die ökologischen Auswirkungen in der Nacht genau aufzeichnen, aber sie kennen sich nicht aus mit der Vergleichbarkeit verschiedener Strassenleuchtentypen und der dazu benötigten Infrastruktur. Umgekehrt hat die Lichtpraxis normalerweise keine Erfahrung mit ökologischen Messungen. Gemeinsam versuchen wir, Strategien zu entwickeln, um eine Balance zu finden und das Optimum aus LEDs herauszuholen.
HALLER: Vor ein paar Jahren haben alle über die Lichtfarbe gesprochen. Ich glaube, mit unserer gemeinsamen Forschung konnten wir zeigen, dass die Lichtfarbe nicht der wichtigste Faktor ist. Auch warme Lichtfarben locken immer noch viele Insekten an, wenn auch tendenziell weniger als blaues Licht. Eigentlich wäre es viel wichtiger, über Lichtspektren zu sprechen, also die tatsächliche Verteilung der Strahlungsenergie über verschiedene Wellenlängen.
BOLLIGER: … und über die Lichtintensität, also über das Dimmen von Leuchten.
Welche Forschungsfragen halten Sie für besonders dringend?
BOLLIGER: Wenn wir von Insekten und deren Beitrag zu Ökosystemleistungen sprechen, wäre es wichtig, ökologische Prozesse über eine längere Zeit unter verschiedenen Lichtbedingungen zu analysieren. Dazu sollten Feldexperimente mit Laborexperimenten ergänzt werden. Im Labor kann man gewisse Aspekte unter kontrollierten Bedingungen analysieren.
Wie können die Ergebnisse aus der Forschung schneller und gezielter in die planerische und politische Praxis einfliessen?
HALLER: Diverse Fachgremien beschäftigen sich mit Lichtemissionen und den Fragestellungen, die wir gestreift haben – auch wenn es in der Schweiz insgesamt eher wenig Institutionen gibt, die sich mit Licht im wissenschaftlichen Sinn beschäftigen.
Weshalb ist das so?
HALLER: Licht fristet immer noch ein Nischendasein, für viele ist Licht entweder einfach an oder aus. Alleine die Tatsache, dass es Lichtplanerinnen und Lichtplaner gibt, ist vielen nicht bekannt. In Deutschland gibt es mindestens fünf Lehrstühle zum Thema Licht. Sie beschäftigen sich allesamt mit der optischen Strahlung im sichtbaren Bereich, Licht ist nichts anderes als das. Wir benutzen Licht zur Informationsübermittlung in Glasfaserkabeln, in optischen Technologien und in der Medizin. Wenn Sie im Museum ein Bild ausstellen wollen, müssen Sie etwas von Licht verstehen, ebenso in der Bühnenbeleuchtung und im Sport. Alles, was mit dem Wahrnehmungsorgan Auge zu tun hat, ist ein Lichtthema. Und wir Menschen sind stark auf visuelle Reize ausgerichtet.

Was wünschen Sie sich beide von der Politik – auf Bundes- oder Kantonsebene –, um beim Thema Lichtverschmutzung voranzukommen?
BOLLIGER: Gelder für weiterführende Forschung wären wichtig, um zum Beispiel die Auswirkungen von Licht auf Ökosystemprozesse besser zu verstehen, auch längerfristig. Wir wissen einfach so viel noch nicht.
HALLER: Im Kanton Zürich läuft schon sehr viel. Wir rüsten alle Kantonsstrassen auf den neusten Standard um, mit intelligenter Steuerung und Lichtdimmung. Ich wünsche mir, dass Politik und Verwaltung vielleicht noch ein wenig stärker als bisher dabei helfen, das Bewusstsein von Privatpersonen zu schärfen.
Gibt es Best-Practice-Beispiele, bei denen ökologisch verantwortungsvolle Beleuchtung erfolgreich umgesetzt wurde?
BOLLIGER: Aus ökologischer Sicht empfiehlt es sich grundsätzlich, die Nacht möglichst dunkel zu belassen. Aber das Licht, das benötigt wird, sollte das richtige Licht am richtigen Ort mit dem richtigen Produkt sein. Und jede Lichtinstallation sollte professionell geplant werden, auch bei einem Eigenheim. Jede Gemeinde hat zudem die Möglichkeit, entsprechende Empfehlungen in ihren baurechtlichen Grundordnungen zu erlassen, wodurch die Einwohnerinnen und Einwohner auch sensibilisiert werden können.
HALLER: Grundsätzlich hat sich die zeitliche oder dynamische Steuerung von Strassenbeleuchtung bewährt. Je nach Verkehrsaufkommen wird die Strassenbeleuchtung mehr oder weniger gedimmt. In vielen Zürcher Gemeinden ist dies heute Standard. Aber so eine Infrastruktur baut man nicht von heute auf morgen, eine flächendeckende Einführung dauert Jahre.
Stösst die dynamische Beleuchtung irgendwann an ihre Grenzen?
HALLER: Meines Erachtens nicht. Früher war die Technik der limitierende Faktor. Jetzt stellt sich eher die Frage, wie viel Technik man wirklich einsetzen will. Was man beim Einsatz von Sensorik beachten sollte, ist, dass diese korrekt funktioniert und die Dynamik nicht zu gross und somit selbst zum Störfaktor wird.
BOLLIGER: Ein Argument sind ja auch die Kosten. Je mehr man dimmt, desto mehr Strom können die Gemeinden sparen.
HALLER: Wobei man das auch ein bisschen relativieren muss. Wenn eine Gemeinde technisch noch auf einem alten Stand ist, spart sie am meisten Strom, wenn sie auf LED umrüstet. Und wenn die Beleuchtung durch eine Fachperson geplant wird, hat man mit LED in aller Regel weniger unerwünschte Lichtimmissionen.
Haben Sie noch ein Schlusswort?
BOLLIGER: Dunkelheit birgt viele Schönheiten. Sie ist etwas, das Ruhe und Erholung bietet und nichts, wovor man sich fürchten muss.
Janine Bolliger forscht an der Eidg. Forschungsanstalt WSL zu den Auswirkungen von künstlichem Licht in der Nacht auf die Biodiversität.
Jörg Haller ist Leiter Öffentliche Beleuchtung und Smart City bei den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich. Er und sein Team beraten Gemeinden, Kantone und Behörden in Bezug auf Licht und öffentliche Beleuchtung.
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Weitere Informationen: slg.ch/de/weiterbildung
Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Editorial
- Künstliches Licht bei Nacht verändert unsere Welt
- Das versteckte Leben der Nachtfalter
- Eine politisch-ökologische Perspektive auf Lichtlandschaften
- Ökologische Auswirkungen künstlicher Beleuchtung
- Lichtemissionen im Umweltrecht
- Ökologische Bewertung von LED-Eigenschaften
- Klug beleuchten: Gesundheit, Sicherheit und Natur im Gleichgewicht
- Nachts erhellt – tags verarmt
- Dunkelheit: Eine wichtige Ebene der Ökologischen Infrastruktur
- Die Grafik zur Biodiversität

