Eine politisch-ökologische Perspektive auf Lichtlandschaften
Künstliches Licht bei Nacht ist Symbol und Motor globaler Urbanisierung sowie ein zunehmendes Umweltproblem. Trotz wachsender wissenschaftlicher Erkenntnisse und besserer rechtlicher Grundlagen bleibt die Regulierung schwierig. Vielfältige wirtschaftliche Interessen, technologische Entwicklungen und soziale Ungleichheiten prägen die nächtliche Beleuchtung.
VON NITIN BATHLA UND NORMAN BACKHAUS
Künstliches Licht bei Nacht ist einer der bedeutendsten Indikatoren für die globale Urbanisierung (Hale et al. 2013). Er zeigt, wie der Homo urbanus ein leuchtendes Anthropozän geformt hat – oft visualisiert durch Satellitenbilder der Erde bei Nacht. Künstliches Licht verlängert wirtschaftliche Aktivitäten über die Tageslichtstunden hinaus und unterstützt so die Ausbreitung urbaner Netzwerke. Es ist daher nicht nur ein Indikator der Urbanisierung, sondern auch einer ihrer stärksten Katalysatoren.
Eine ökologische Herausforderung
Die öffentliche Beleuchtung wurde im 19. Jahrhundert mit der Ausbreitung von Gasbeleuchtungsnetzen zum ökologisch bedeutsamen Phänomen und intensivierte sich mit der Elektrifizierung an der Wende zum 20. Jahrhundert (Savoy 1987). Eine starke Beschleunigung der nächtlichen Beleuchtung findet seit Beginn des 21. Jahrhunderts statt. Dies fällt zusammen mit der Formalisierung öffentlicher Beleuchtung als Instrument der Stadtvermarktung, von Sicherheitsanliegen und der postindustriellen Stadterneuerung sowie mit dem Aufkommen der LED-Technologie. LEDs sollten ursprünglich Energie sparen. Weil sie jedoch so effizient sichtbares Licht erzeugen, wird heute insgesamt mehr Licht eingesetzt – und die Lichtemissionen sind gestiegen.
Licht unter Beobachtung
Obwohl die ökologischen Auswirkungen künstlicher Beleuchtung bereits 1937 erkannt wurden – nachgewiesen in der vorzeitigen Gonadenentwicklung bei Londoner Staren unter nächtlicher Beleuchtung (Rowan 1938) – hat die wissenschaftliche Forschung erst in den letzten 15 Jahren stark zugenommen. Sie bestätigt, dass Überbeleuchtung als hormoneller Umweltschadstoff wirkt.
In der Schweiz führten ästhetische und kulturelle Bedenken gegenüber der öffentlichen Beleuchtung ab Mitte des 20. Jahrhunderts zu ersten Richtlinien und Regelwerken. Dennoch bleibt es herausfordernd, jede einzelne Lichtquelle im urbanen Raum zu steuern. Die Lichtemissionen nehmen weiterhin zu und haben sich laut Bundesamt für Umwelt in den letzten 25 Jahren verdoppelt (BAFU 2021).
Es zeichnet sich jedoch ein Wandel in der öffentlichen und medialen Wahrnehmung ab: von der Feier des Lichtspektakels hin zur Problematisierung seiner ökologischen und sozialen Folgen. Medien berichten zunehmend über schädliche Auswirkungen künstlicher Beleuchtung auf die Gesundheit und die Biodiversität. Sie thematisieren Konflikte um übermässige oder unzureichende Beleuchtung und präsentieren Meinungen von Expertinnen und Experten zu möglichen regulatorischen und technischen Lösungen.

Auch eine allmähliche Politisierung der öffentlichen Beleuchtung ist im Gange. Initiativen wie DarkSky Switzerland und die Fachgruppe Lichtemissionen der Schweizer Licht Gesellschaft haben auf die negativen Auswirkungen unerwünschten Lichts auf Menschen, Tiere und Pflanzen aufmerksam gemacht. Auch wenn diese Politisierung noch in den Anfängen steckt, hat sie Diskussionen über die Notwendigkeit von Dunkelkorridoren und Schutzräumen für nachtaktive Lebewesen angestossen.
Doch das tieferliegende Problem besteht in der ökonomischen Erschliessung der Nacht, an der viele Player beteiligt sind: Dazu gehören nicht nur öffentliche Stromversorger und Infrastrukturanbieterinnen wie SBB, Verkehrsbetriebe Zürich und das Bundesamt für Strassen, sondern auch die zahlreichen privaten Akteurinnen und Akteure, die durch Werbung und gezielte Lichtsetzung die Nachtökonomie ankurbeln oder Dominanz signalisieren wollen.
Ungleich beleuchtet
Was bislang weitgehend unbeachtet blieb, ist die Notwendigkeit einer politisch-ökologischen Perspektive auf die ungleichen Auswirkungen künstlicher Beleuchtung auf die Bevölkerung. Im Gegensatz zu Tieren und Pflanzen werden menschliche Wohnorte durch Faktoren wie Wohnkosten und Zugangsmöglichkeiten bestimmt. Wohnungen in der Nähe stark beleuchteter Infrastrukturen wie Stadien sind oft günstiger, während solche in der Nähe dunklerer Naturräume zumindest in den Städten teurer sind. Dies führt zu ungleicher Belastung durch Lichtverschmutzung. Im Zuge der Transformation öffentlicher Beleuchtungsinfrastrukturen ist es daher entscheidend, Fragen sozial-ökologischer Gerechtigkeit in den Vordergrund zu stellen, anstatt bestehende Ungleichheiten unbeabsichtigt zu reproduzieren oder zu verschärfen.
Nitin Bathla forscht am Geographischen Institut der Universität Zürich an der Schnittstelle von Urbanisierung, Umwelt und Gesellschaft.
Norman Backhaus ist Professor für Humangeografie am Geographischen Institut der Universität Zürich; er leitet dort die Einheit «Space, Nature and Society».
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Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Editorial
- Künstliches Licht bei Nacht verändert unsere Welt
- Das versteckte Leben der Nachtfalter
- Ökologische Auswirkungen künstlicher Beleuchtung
- «Nachtdunkelheit für Ruhe und Erholung»
- Lichtemissionen im Umweltrecht
- Ökologische Bewertung von LED-Eigenschaften
- Klug beleuchten: Gesundheit, Sicherheit und Natur im Gleichgewicht
- Nachts erhellt – tags verarmt
- Dunkelheit: Eine wichtige Ebene der Ökologischen Infrastruktur
- Die Grafik zur Biodiversität

